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Johannes Paul II, der Bergbau und mein Block

In meiner Kindheit sah das alles irgendwie anders aus. In Polen. Die Vergangenheit war damals fühlbar, Ruinen und Romantik waren sichtbar, die Wiesen waren höher, die Natur wilder. Überall gab es alte große Weiden. Sie wuchsen vor allem entlang der Fußgängerallee, die quer durch den Ort meiner Kindheit führte. Vom Anfang bis zum Ende. Neben der Schnellstraße und den Hochhäusern. Fünf Hochhäuser nebeneinander, jedes in einer anderen Farbe. Sie schließen das Dorf zum Rand hin wie Mauern ab. Ich lebte mal in der Nummer fünf. Aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich erinnere mich aber noch daran, dass man im Sommer, als der Asphalt der Allee heiß wurde, den Gehweg als Leinwand nutzen konnte. Mit acht bedeutete das, seinen Namen mit einem Stock in die weiche Masse zu drücken. Mit 12 war es der kleine Absatz meiner Sandalen, der kleine Halbmonde als Erinnerung hinterließ. Als ich drei Jahre alt war, wanderten meine Eltern aus. Johannes Paul II war dann schon Papst. Von da an kam ich nur noch jeden Sommer. Zumindest bis zum Beginn der Pubertät.

Diesen Mai, nach zehn Jahren, fuhr ich wieder hin. In meiner Erinnerung entsprach die Rückseite der Blöcke mit ihren Satellitenschüsseln und den individuell gefärbten Balkonflächen einer Gursky Fotografie. So wollte ich sie festhalten. Aber es gelang mir nicht. Die romantische Verklärung dieser kleinen Bergbausiedlung traf an einem Samstagabend, Anfang Mai auf die Realität. Ihre Vorboten waren hohe schwarze Berge, die unnatürlich, dunkel und kahl die einzige Straße begrenzten, die in das Dorf führt. Die Straße, die vorher eine Brücke war. Damals. Nur die Grube ist höher. Sie dominiert den Ort. Sie ist der Hauptarbeitgeber.

Es ist viel passiert seitdem. Vor allem bin ich groß geworden. Deshalb hat sich alles so klein angefühlt diesmal. Auch das Wilde ist gewichen. Der See, entstanden aus einer Überschwemmung, die für viele Schrebergärten das Aus bedeutete, ist keine gefährliche Wildbadefläche mehr, sondern integrierte Natur. Das alte ungenutze Schwimmbad, dessen große, leere Becken direkt vor Block Nummer zwei ein geheimer, gefährlicher Spielplatz waren – sie waren teilweise schon innen bewachsen mit Pflanzen – ist aufgeschüttet und neu bepflanzt worden. Die hohe Wiese, in der man sich verstecken, entdecken und mysteriöse Suppen kochen konnte, wurde gerodet. Wege wurden angelegt. Auch das Kinderbecken, in welches nette Feuerwehrmänner damals an heißen Sommertagen Wasser füllten, ist verschwunden. Die Weiden entlang der Allee haben sie auch gefällt, den Asphalt abgerissen. Rotes Gummi und kleine umzäunte Bäume führen jetzt zum Park am Ende der Siedlung. Die Grube hat das bezahlt, erzählen alle stolz. Es ist Ordnung eingekehrt seitdem.

Polen ist jetzt seit 10 Jahren in der EU. Das hat Geschäfte aus Frankreich, Deutschland und dem Rest der Welt angezogen. Shopping Malls, 24 Stunden Supermärkte, Autobahnen. Die Wirtschaft ist gewachsen. Dinge des täglichen Bedarfs können jetzt konsumiert und müssen nicht gehortet werden. Auch wenn sich diesen neuen westlichen Standard noch nicht jeder leisten kann, die meisten sind zufrieden. Mittlerweile ist Johannes Paul II auch heilig. Das freut sie am meisten. Keine Persönlichkeit ist mir in diesen sechs Tagen öfters auf Bildern begegnet als er. Selbst in Krakau, der Großstadt – so anders als mein Bergbaudörfchen – in der sich Paris und Kreuzberg treffen, Second Hand normaler ist als H&M, ist er allgegenwärtig. Nicht nur als Touristensouvenir. Er ziert Bücher und Collagen. In der Wohnung meiner Großmutter sah er jeden Abend beim Schlafen gehen auf uns herab. Sein Bildnis an der einen Wand, die Mona Lisa auf der anderen. Zwei Pole, die irgendwie auch mich auszeichnen. Das alte Polen und die westliche Kultur, Verklärung, Erinnerung und Realität. Wir sind gewachsen, Polen und ich. Irgendwie klar, dass wir jetzt anders aussehen.

Fotos: Kamila Kolesniczenko

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