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Die Maxime des Zitats

Sie ist überall, die Rezeption. Ob Bildmotiv, Perspektive oder Ausschnitt in der Fotografie, Malduktus und Farben in der Kunst, Form und Schnitt in der Mode, Schuhe und Frisur in einer Freundschaft: nichts ist mehr innovativ, nichts ist exklusiv. Alles ist Zitat. Alles war schon einmal da, wurde adaptiert und ins eigene IST-Konzept integriert, als Hommage oder als Schwindel. Und oftmals verneinen Menschen die Inspiration. Sie verschleiern sie oder übernehmen unbewusst.

Jede wissenschaftliche Arbeit baut darauf, jeden journalistischen Text verleiht es Lebendigkeit: das Zitat. Man zitiert wörtlich oder man formuliert eigene Worte basierend auf den Reflektionen anderer. Die Quelle gibt man an. Oder auch nicht. Tut man es nicht, kann einem diese Nachlässigkeit zum Verhängnis werden. Nicht nur in der Wissenschaft. Das Angeben der Inspirationsquelle wird dann vermieden, um sich der eigenen Nachahmung nicht bewusst zu werden. Man denkt, es käme von einem selbst. Man vergisst, was man gehört, gesehen oder gelesen hat. Als ob Zugeben eine Straftat wäre, die einer Blamage gleichsteht. Und als ob das Bewusstwerden des Zitats, die gezielte Hommage, nicht mehr Selbstschätzung bedeutet als die Ignoranz. Individualität wird dann nämlich zu einer individuellen Adaption. Reicht das nicht aus? Doch auf der anderen Seite: War nicht jeder Gedanke, jedes Bildmotiv, jede Satzstellung, jeder Stil schon einmal vorhanden? Ist die individuelle Umformung die Innovation des 21. Jahrhunderts?

Appropriation Art nennt man es in der Kunst, das bewusste Nachahmen von Werken, verbunden mit einem individuellen Touch, der Neuerung, die das Bestehende durch die individuelle Umformung verändert. Inspiration ist doch die Grundlage der Kreativität. Gegenstand der Inspiration muss also etwas sein, dass man bis dato gefühlt oder erlebt hat. Impliziert das Wort Kreativität demnach die Rezeption? Denn auch die Mode lebt seit Jahren nach diesem Prinzip. Vergangene Jahrzehnte erleben ihr Revival in gegenwärtigen Trends, die aber nur einen Bruchteil der vorgelebten Zeit halten. Kollektionen sind orientiert an Künstlern, Kunstströmungen, vergangenen Zeiten oder Nachbarkulturen. High Fashion Unternehmen werden von Massenmodeketten kopiert.

Der Diebstahl geistigen Eigentums wurde in letzter Zeit in vielfältiger Weise in den Medien zum Thema. Stärkere Urheberrechte werden gefordert. Vorallem bei der Kopie kreativer Produkte und ihrem Weiterverkauf ohne Berücksichtigung oder Entschädigung der Quelle. Die Rezeption, wie sie in der Appropriation Art bereits zum Inhalt von Kunst wird, muss in dem Bereich der Ausbeutung geschützt werden. Doch was ist kulturelles Gemeingut, was individuelles geistiges Eigentum? Oftmals geht es dabei nicht nur um Geld. Es geht um die Kopie selbst, um das vergessene Zitat. Es geht um die Ansprache, den bewussten Verweis, letztlich die Hommage. Sie zeigt Wertschöpfung und Respekt. Dadurch erst entstehen komplexe Bezüge, Weiterentwicklungen, die zur Wissenschaft werden und die Kontinuität von Kultur bewerkstelligen.

Die Hommage sollte es aber nicht nur im Internet, in der Kunst, Literatur, Fotografie, Mode, im Film und der Malerei geben, sondern auch in Beziehungen und Freundschaften. Auf extreme Strenge wie Gesetze sollte aber hier verzichtet werden. Man kann es wie in der Wissenschaft machen: Kopieren ist erlaubt, gewünscht, es trägt zur tiefgreifenderen Bedeutung bei. Doch man verzichte bitte nicht auf die Quellenangabe. Man mache es sich bewusst, denke nach. Ein Zitat kann Freude bringen. Einfache Übernahme Unmut. Und übernimmt man mehr, vielleicht auch alles, dann macht man bitte wie in der Kunst ein Konzept daraus und ehrt damit nicht nur den Autor, sondern auch sich selbst. Durch das Konzept und das Formulieren desselbigen. Man schreibt Kunstgeschichte. Doch egal wo, man muss sich Übernahmen bewusst werden. Realisieren, dass unsere kreative Gesellschaft auf Inspiration und in gewisser Weise auch auf Rezeption aufbaut. Davon ausgehend können dann eigene Gedanken trotzdem zur Innovation werden. Denn die Leistung, die letztlich Anerkennung bringt, ist die Neue, der Zusatz. Und diese Erkenntnis braucht man, um sich und die Welt der Kreativität zu verstehen.

Beitragsbild: Alexander Goggin nach Michelangelo. Fotocredit: Alexander Goddin

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