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Das Selfie im Zeitalter der digitalen Kommunikation

Schon Albrecht Dürer hat es getan: die Selbstdarstellung. Schon damals benutzte er die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Reproduktion, in seinem Fall die Malerei. Und schon er inszenierte sich selbst. Die Gattung des Selbstportraits erscheint nicht nur deshalb ungefähr so alt wie das Portrait. Selbstabbildungen haben eine lange Tradition.

Dürers “Selbstbildnis im Pelzrock”, um 1500 entstanden, macht klar: Selbstverherrlichung als Darstellungsprinzip entstammt nicht unserem heutigen Zeitalter. Es ist ein Phänomen, dass Jahrhunderte alt ist. Das Streben nach Ruhm und Macht wird in ihm verkörpert. Bereits in Dürers Portrait sehen wir daher nicht nur sein Gesicht, auch seinen Oberkörper stellt er da. Er inszeniert ihn. Kleidung und Attribute sind Ausdruck seiner Persönlichkeit, seiner Stellung in der Gesellschaft. Sie dienen der Rolle, in der er sich zeigt. Er betrachtet den Zuschauer selbstbewusst. Die Hand ist zu einer deutbaren Geste gedreht. Sein lockiges Haar rahmt das Gesicht. Es reicht bis zu den Schultern. Der Pelz zeigt, woher er kommt. Die Geste, wohin er will.
Fast jeder, der sich mit Kunst auseinandersetzt, kennt dieses Selbstportrait, das “Selbstbildnis im Pelzrock”. Dürer sitzt frontal zum Betrachter. Nicht nur, dass er sich dadurch selbstgefällig präsentiert, dass er jegliche Hemmungen fallen lässt, indem keinerlei Abwendung des Körpers mehr vorhanden ist, dazu trägt sein edelstes Gewand, und das Ausschlaggebende: Er posiert in einer Haltung, in der man bis dahin nur Jesus Christus präsentierte! Ein wenig überheblich. Sehr selbstbewusst und hübsch findet er sich mit seinen Locken und dem perfekten Gesicht. Einen drei Tage Bart trägt er auch. Zusammen mit den leicht zusammengepressten, geschwungenem Mund verhilft dieser zu einer Attraktivität, die sich mit heutigen Schönheitsidealen messen kann.

Fünfhundert Jahre später gibt es das Selbstportrait immer noch. Auch in Form der Malerei. Aber die Selbstdarstellung hat weitreichendere Ausmaße angenommen. Ausufernde Ausmaße.
Konnten zu Dürers Zeiten nämlich nur privilegierte Menschen Darstellungsmedien produzieren und konsumieren, so kann das heute jeder. Jeder hält sich für besonders. Jedes Individuum hat etwas zu zeigen. Diverse Internetplattformen helfen dabei, Menschen anzusprechen, die die gleiche Ästhetik vertreten, dasselbe Schönheitsideal besitzen. Dürers Selbstverherrlichung ist heute zu einer universalen Selbstpräsentation auf verschiedenen Kanälen mutiert. Einer davon ist Instagram.

Dabei gibt es verschiedene Gemeinsamkeiten zwischen damals und heute. Nehmen wir das “Selbstbildnis im Pelzrock” als Ausgangspunkt, so fällt dort schon auf: die rechte Malerhand fehlt. Wo ist sie? Ihr Verschwinden erscheint in Anbetracht des heutigen Hauptkennzeichens des Selbstportraits als unheilvolles Vorzeichen. Die fehlende Hand damals kann viele Ursachen haben, heute deutet sie oftmals auf das Prinzip Selbstauslöser. Nicht Wochen, Monate, nein, Sekunden dauert es, bis das Eigenbildnis für die Nachwelt aufgezeichnet ist. Dank der Fotografie. Und dank der Verbindung von Telefon, Fotoapparat, Computer und Internet verbreitet sich das Produkt schneller als Dürer hätte sich durch seine Haare streichen können. Heute sind alle Künstler. Und das Interessante: Auch heute werden die Lippen zart zusammengepresst, etwas intensiver sogar. Und der Blick ist ebenfalls selbstbewusst, die Posen ebenfalls überheblich. Der in das Portrait einbezogene Körper dient durch die präsentierte Kleidung immer noch als Ausdruck der finanziellen Mittel und gesellschaftlichen Status, des Modebewusstseins. Die Inszenierung des Ichs hat seinen Höhepunkt erreicht. Jesus ist aber nicht mehr der Superstar. Dürers Pelz und segnende Geste ist gewichen. Da ist jetzt Schmuck, ziemlich viel Schminke und gehäuft auch nackte Haut und viele Muskeln. Es gibt kein einheitliches Schönheitsideal mehr. Selbstverherrlichung ist jetzt verzerrte Selbstdarstellung. Das ist der Manierismus des 21. Jahrhunderts.

Diese Verzerrung in der Massenware Selbstbildnis – besser gekannt als Selfie – objektiviert sich in der Fotografie in dem verzerrten, da aus dem Bild zum Aufnahmegerät führenden Arm. Der manieristische Arm ist zur Metapher geworden. Zum Ausdruck der Selbstdokumentation. Aber auch die Autoreflektion hat Einzug in das Selfie gehalten. Wurde der Prozess des Selbst-Fotografierens durch die manieristische Hand lediglich angedeutet, so wird er durch das Hinzuziehen eines Spiegels selbst zum Bildgegenstand. Und fast jeder hat es schon getan, heimlich oder öffentlich: das Selbstportrait mit Handy im Badezimmer. Es gibt Millionen Varianten bei Instagram. Das Handy wird zum gleichberechtigten Partner bei der Selbstpräsentation, zum Teil des Ichs. Es ist zum fast wichtigsten Medium der Kommunikation geworden und für viele so unverzichtbar wie Leinwand und Farbe es für Dürer waren. Der Unterschied ist nur: Er malte sich als Christus, heute fotografieren sich alle zum Affen. Er schuf ein Meisterwerk, wir produzieren Internetmüll, der es nicht mal in das eigene Fotoalbum zuhause schafft. Das Selfie als Bestandsaufnahme des Toilettengangs wird zum Ausdruck der Selbstverliebtheit unserer Generation. Und dank der Digitalisierung unserer Gesellschaft wurde aus dem individuellen Selbstportrait ein Massenphänomen. Verschiedene Plattformen dienen der schnellen Verbreitung des Bildnisses, die Produktionsmöglichkeiten erlauben eine Frequenz an Selbstdarstellungen, von denen Dürer geträumt hätte. Er produzierte übrigens auch ein Nacktbild von sich selbst. Zeitgenössische Äquivalente werden aber bei Instagram gelöscht.

Albrecht Dürer, Selbstbildnis im Pelzrock, 1500, Lindenholz, 67,1 x 48,9 cm, Alte Pinakothek München
20130927_232200Selfie, 2014, Instagram

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