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Das Prinzip Selbstoptimierung

Es ist Herbst, es regnet. Melancholie kommt auf. Das Gefühl, nicht zu genügen, sich weiterentwickeln zu müssen, sich selbst und der Gesellschaft, in der wir leben, gerecht werden zu müssen. Selbstzweifel gehören für viele zum Alltag, genauso wie die Frage, was und vor allem wann wir die Dinge tun können, von denen wir denken, dass sie uns weiter bringen. Aber woher kommen diese Optimierungswünsche?

In meinem nächsten sozialen Umfeld sind alle Hobbypsychologen. Wenn wir nicht gerade kochen, rumlungern oder vorm Computer sitzen, reden wir über uns selbst. Narzissten oder Egozentriker sind wir deshalb trotzdem nicht. Nicht nur. Wir analysieren Moden, die Gesellschaft, Männer, Menschen, aber ebenso uns selbst. Die Bandbreite ist groß. Sie reicht von banalen Erkenntnissen wie Gewichtszunahmen mit darauffolgenden Diskussionen über Bekämpfungsstrategien (Sport) und Selbstwahrnehmungsstörungen bis zu psychologisch tiefer sitzenden Problemen wie allgemeine Unzufriedenheit, Ängste und Verhaltensweisen, die man möglichst schnell ablegen möchte. Wir wollen uns permanent verbessern, gesund ernähren, kreativer sein, nicht mehr bei jeder Kleinigkeit in Tränen ausbrechen, stärker sein, wissen, was in der Welt los ist und dabei möglichst gut und unangestrengt aussehen. Wir wollen vielleicht nicht perfekt sein, aber uns selbst genügen, zufrieden sein. Doch immer fehlt irgendetwas zum ultimativen Glück.

Das Problem der Selbstoptimierung ist das Ende. Es gibt keins. Hat man einen Literaturklassiker gelesen, warten da noch 123 andere. Hat man sein Studium endlich geschafft, erwarten uns die Ansprüche der Arbeitswelt. Hab ich endlich meinen Traumjob gefunden, fehlt mir die Zeit mich kreativ auszuleben, Freunde zu treffen und privat weiter zu bilden. Habe ich eine Angst überwunden, lauert schon die nächste um die Ecke. Es ist überall, das Gefühl, noch besser werden zu müssen, nicht so zu genügen, wie man ist. Und noch größer ist vielleicht das schlechte Gewissen, diese Dinge trotz allem schleifen zu lassen, nicht an sich zu arbeiten, weil man einfach keinen Bock darauf hat. Man lebt mit dem permanenten Gefühl noch etwas erledigen zu müssen. Aufschieben ist die Devise, mit der man aufwacht und meistens auch wieder schlafen geht.

Das Problem der Selbstoptimierung sind auch die Möglichkeiten. Es gibt zu viele. Wir können uns physisch, psychisch und kognitiv verbessern. In der theoretischen Realität bedeutet dies wohl, dass wir am glücklichsten beim Zeitungslesen auf dem Laufband im Wartezimmer unseres Psychologen sind. Es ist fast unmöglich, allen uns selbst oder von der Gesellschaft auferlegten Ansprüchen gerecht zu werden. Wir leben stattdessen mit der latenten Unzufriedenheit, die daraus resultiert und tun zumindest alles, um den Grundstock der eigenen Zufriedenheit zu erreichen: das Studium/die Ausbildung beenden und Arbeit finden. Danach warten wir auf das Glück, das folgen soll und vergessen, dass was wir erreicht haben und sind, zu feiern. Wir bewundern stattdessen Fremde auf der Straße oder im Netz und denken, dass es ihnen besser geht, weil sie uns durch Bilder, Erlebnisse und Worte das vermitteln, was wir zusätzlich noch gerne hätten.

Wir als Hobbypsychologen wissen aber natürlich auch, dass wir viel mehr reden und planen, als wir im Endeffekt tun. Der Drang nach Selbstoptimierung wird nach der Selbstanalyse durch unsere Freunde und Familie in den meisten Fällen zu der Erkenntnis, dass wir ganz gut im Leben stehen. Der Gedanke bleibt trotzdem. Ständig werden wir mit scheinbaren Lücken konfrontiert, auf unglaubliches Glück folgt Weltuntergang und Zweifel. Aber wir vergessen, dass wir auch bei Anderen nur Fassaden betrachten, das Gesamtbild bleibt uns meistens verborgen, das Kräfteverhältnis von Fähigkeiten und Schwächen ebenso. Selbstoptimierung ist gut, aber sie sollte unser Leben nicht bestimmen. Unperfektion ist so ziemlich das Interessanteste was einem Menschen passieren kann. Sonst würden uns ja die Gesprächsthemen ausgehen.

 

2 Comments

  1. Julia Julia

    Oft führt das Steckenbleiben, irgendwo, das Spüren einer sich anbahnenden Krise, irgendwie, ganz unerwartet zu atemberaubenden Entdeckungen. So wie dieser hier. Man hat zwar längst den Pfad verloren, auf dem man hierher kam, aber was spielt es schon für eine Rolle! Da ist sie, meine Entdeckung des Tages. Oder wozu kleinlich sein, des Monats! Welch verführerische Symbiose aus Bildern und Worten. Ja, ich will schmeicheln, ich will loben, ich will, Gott! mm liebsten die Seite aufessen. So gut gefällt sie mir…

    • Kamila Kamila

      Das ehrt mich. und motiviert mich. danke für die schönen worte!

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